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HAND und INSTRUMENT
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 Pragmatische Handeinschätzung
Eine Alternative zur differenzierten, aber technisch aufwändigen Handuntersuchung ist die sog.Pragmatische Handeinschätzung. Sie basiert ebenfalls auf den Ergebnissen der biomechanischen Untersuchungen an Musikerhänden, beschränkt sich jedoch auf eine Auswahl von Handeigenschaften und verzichtet auf apparative Hilfsmittel. Dadurch kann jeder Leser seine eigene Hand (oder die Hand des Schülers) selbständig beurteilen, mit einem Zeitaufwand von nur ca. 15 Minuten pro Hand. Anleitung und Messblätter sind dem Buch beigefügt.
Die Handeinschätzung setzt sich zusammen aus Prüfbewegungen (Teil 1) und einer Handform- und Spannweiten-Messung (Teil 2). Beide Beobachtungsreihen ergänzen sich. Wie die Erfahrung inzwischen bestätigt, lassen sich schon mit diesem reduzierten und vereinfachten Verfahren wertvolle Anregungen für die Instrumentalausbildung gewinnen (s. Beispiele unten). So kann es helfen, angemessene spieltechnische Lösungen zu finden und manueller Überforderung vorzubeugen. (Vollständige Beschreibung s. HAND UND INSTRUMENT, S.263-270.)

   
Teil 1: Prüf-Bewegungen
Die 11 Prüfbewegungen betreffen Eigenschaften, die besonders stark variieren, deren präzise Messung aber sehr aufwändig wäre: 
  • Pronation (Einwärtsdrehen des Unterarmes)
  • Supination (Auswärtsdrehen des Unterarmes) 
  • Handgelenkabwinkelung zum Daumen hin
  • Daumenbeugung
  • Spreizwinkel zwischen den langen Fingern
  • Daumenabspreizung
  • Streckwiderstand der Fingergrundgelenke (2 Prüfbewegungen)
  • Stabilität Daumengrundgelenk
  • Kraft in allen Fingergelenken
  • Unwillkürliche Mitbewegungen von Fingern
Der Proband führt einige einfache Bewegungen aus, die Rückschlüsse zulassen auf Beweglichkeit, Kraft und Bewegungsunabhängigkeit der Hand im Instrumentalspiel. Muss die Versuchsfrage mit "JA" beantwortet werden, so deutet dies auf eine (mehr oder weniger ausgeprägte) Begrenzung in der betreffenden Eigenschaft. Sie wiegt, je nach Instrument, verschieden schwer und sollte ggf. spieltechnisch berücksichtigt werden.




zum Beispiel:
PronationSupination
Handgelenk radialDaumenbeugungAbspreizung Daumen
Spreizwinkel FingerÜberstreckung



    
Bspl:
Abspreizung 
des Daumens  
Abspreizung Daumen
maximal abgespreizter Daumen
Aufgabe: maximale Abspreizung des Daumens
Frage: "Bildet der Daumen (nur) einen spitzen Winkel mit der Längsachse der Hand ?“ (nicht einen rechten oder noch größeren Winkel.)
Die Antwort für den Probanden (s. Foto) lautet: „JA!"  –  Dadurch hat er es z.B. bei weiten Griffen am Klavier schwer. Diese Einschränkung ist in der Regel nicht durch Training, sondern nur durch andere Maßnahmen auszugleichen (Fingersatz,  Anpassungsbewegungen von Hand und Arm, u.a.).



 
Teil 2: Messblätter
4 Handform-Maße sowie alle 10 Spannweiten werden mit Hilfe von Messblättern erfasst, die dem Buch beiliegen. Die aufgetragenen Skalen basieren auf den Daten der Gruppe "Instrumente gemischt" (professionelle Musiker) bzw. Jugendlicher. Das Ergebnis kann direkt auf dem Messblatt abgelesen und in ein kleines Handprofil eingetragen werden. Ungewöhnlich kleine bzw. große Maße fallen sofort ins Auge.

Dem Buch sind folgende Messblätter beigefügt:
Männer/Frauen, jeweils rechte und linke Hand,
Jugendliche 10-14 und 14-17 J., linke Hand.

Die Messblätter enthalten die Vergleichsskalen für
Handlänge, Handbreite, Fingerlängendifferenzen 3-1 und 3-5,
Spannweiten mit Daumen 1-2, 1-3, 1-4, 1-5,
Binnen-Spannweiten 2-3, 3-4,
4-5, 2-4, 3-5, 2-5.
HandlängeHandbreiteDifferenz 3-1Differenz_3-5
Spanne 1-2Spanne 1-3Spanne 1-4Spanne 1-5Spanne 2-3
Spanne 3-4Spanne 4-5Spanne 2-4Spanne 3-5Spanne 2-5



Beispiel: Messblatt "MÄNNER Rechte Hand"

     
Messblatt Messblatt-Ausschnitt

Der mittlere Bereich und die Grenz- bereiche sind unterschiedlich markiert, so dass man beim Auflegen der Hand das Ergebnis unmittelbar ablesen kann.
Die Messergebnisse werden im Formular zur Handeinschätzung (siehe unten) eingetragen. Wie im 1. Teil haben auch diese Parameter unterschiedliche Bedeutung für die einzelnen Instrumente.
     



Bspl: Messung Handbreite
Bspl: Messung Längendifferenz 3-1 Bspl: Messung Spannweite 1-2
    
Handbreite Fingerlängendifferenz 3-1
Spannweite 1-2



BEISPIEL 1 Musikstudent KLAVIER, 21 J.
Der Student (Schulmusik, 1. Sem.) hatte Schmerzen in beiden Handgelenken, die während der 3-monatigen Intensiv-Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfung erstmalig aufgetreten waren.  Teil des Prüfungsprogramms war die Sonate op. 13  "Pathétique" von Beethoven.
L8_Abspreizung1Bei der Handeinschätzung fielen die geringen Spannweiten mit Daumen auf, besonders in der linken Hand, was evtl. mit der äußerst geringen maximalen (!) Daumenabspreizung zusammenhängt (Prüfbewegung 6).
Das Oktavtremolo, wie es im 1. Satz der "Pathétique" mehrfach über längere Passagen in beiden Händen  verlangt ist, könnte daher mit eine Ursache für die Überlastung gewesen sein.
Beethoven_op.13_1.Satz_T11-13
Durch angemessenes Repertoire, Üb-Pausen nach spätestens 10 Minuten sowie Übungen für minimalen Kraftaufwand beim Anschlag ergab sich innerhalb von 3 Monaten eine deutliche Verbesserung.
Bei Rücksicht auf die geringen Daumen-Spannweiten stand dem Klavierspiel innerhalb des Schulmusik-Studiums nichts entgegen.
Handeinschätzung L8_2006 Klavier




BEISPIEL 2 Lehrerin, VIOLINE / VIOLA, 40 J.
Die Geigen-/Bratschenlehrerin hat in der linken Hand "praktisch überall" Schmerzen und eine Koordinationsstörung im Bereich Mittel- bis Kleinfinger.
Die Handeinschätzung zeigt eine kurze Hand mit auffallend geringen Spannweiten (ganz extrem 2-3 und 4-5) sowie eine geringe Daumenabspreizung, wenig Kraft in den Mittel- und Endgelenken der Finger und einige unwillkürliche Mitbewegungen.
Da die Handeinschätzung weitgehend ähnliche Begrenzungen in beiden Händen nachweist, ist davon auszugehen, dass diese Begrenzungen nicht Folge der Schmerzen oder der Koordinationsstörung sind, sondern prinzipiell schon früher bestanden haben.

Die massiven Koordinationsstörungen traten erstmalig im Alter von 35 J. auf, bei der Vorbereitung auf die Abschlussprüfung des Bratschenstudiums. Schon mit 14 J., 3 Jahre nach dem Wechsel von der Violine zur Viola, beeinträchtigten Sehnenscheidenentzündungen und kurzzeitige Koordinations- störungen die Ausbildung. Das
Geigenstudium verläuft dann weitgehend schmerz- und störungsfrei. Zur Erleichterung spielt  die Studentin zeitweise eine 7/8-Geige. Die Anforderungen im nachfolgenden Bratschenstudium bringen die Hand jedoch an die Grenzen ihrer Belastbarkeit.
Mit Kenntnis dieser Handeinschätzung hätte sicherlich jeder Lehrer vom Bratschenstudium abgeraten, inbesondere von einer  Bratsche mit 40cm-Mensur.

cis4_ganze Geige
cis'''' an 1/1-Geige
Handeinschätzung L2_2005 Violine


                                               
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